Der Acheron-Konflikt, Kapitel 5 – Bou

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Aufräumarbeiten vor dem Raumhafen, drei Stunden nach dem Rückzug der US Ariadna Ranger Force.

Acheron brannte. Und im Westen brannte das, was einmal Echo war. Ich könnte schwören, der ganze Planet kochte unter seiner Oberfläche. Der typische Gestank biss noch stärker, als er es an normalen windstillen Tagen tat. Ja, der Sand ruhte auf dem Boden und ich konnte das Ausmaß des Geplänkels sehen, das vor wenigen Stunden zwischen Rangern und Nomaden stattfand.

last-fightEs waren nur Kollateralschäden und doch war Cedric unzufrieden. Der Raumhafen wurde gehalten und abgesehen von wenigen Toten konnte er keine nennenswerten Verluste beklagen. Im Gegenteil, die Ranger zogen sich zurück und seine Mission wurde zu keinem Zeitpunkt gefährdet.

„Hey, Bou!“, Sanchez rief mich zu einem großen Sicherheitscontainer, „Die Kiste muss auf den nächsten Transporter und zwar schnell, schaffst du das?“

Nachdem Sanchez mich aufgriff und zu Cedric brachte, stellte mich dieser vor eine einfache Wahl. Ich konnte mich nützlich machen oder das selbe Schicksal erleiden wie Haschri. Also half ich beim Verladen von großen Containtern und schwerem Gerät. Ich bekam sogar eine rote Uniform, die mir allerdings zu groß war. Vermutlich brauchte ihr Träger sie nicht mehr.

hh07Den Angriff der Ranger auf die Stellungen vor dem Raumhafen hörte ich, konnte Schießpulver und verschmortes Fleisch riechen, denn hinter den hohen Mauern der Ladebuchten mussten wir weiter und schneller arbeiten. Öl! Mann, es ging doch nie um das verdammte Öl! Ich kannte die Container nicht, die ich verladen musste, solche Transportkisten hatte ich bisher auf Jura nicht gesehen. Das Öl, das ich förderte, war immer in großen Tonnen abgefüllt. Doch die waren Cedrics Leuten egal, seine Lieutenants gingen mit Listen durch die Ladebuchten und bestimmten gezielt, was verladen wurde und was stehen blieb. Die meisten Behälter kamen aus den Anlagen Echo und Fahrtenheit, den beiden größten Förderkomplexen. Doch einige Behälter, so wie jener Sicherheitscontainer, zu dem mich Sanchez rief, hatten eine Signatur, mit der ich nichts anfangen konnte: Styx. Ich sage dir, da unter der Erde liegt etwas, dagegen ist Öl so viel wert wie der Dreck unter deinen Fingernägeln! Ich durfte nicht blinzeln, nicht nachdenken. Immer wieder schossen mir die Bilder jener Nacht in den Kopf, als Cedric Haschri in den Kopf schoss. Welch morbides Wortspiel.

large_sci_fi_cargo_bay_3d_model_blend_unitypackage_2c086a85-1fc9-42f6-be3a-d879b68f40aaJedes Mal, wenn ich in den Protokollen „Styx“ las, kam mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

„Bou! Bou!“, Sanchez lief aufgeregt auf mich zu, „Bou! Cedric will dich sehen!“

Ich ließ den Container, wo er gerade war, und machte mich zu Cedric auf.

Koordinationszentrum des Jurisdiktionskommandos

Cedric überwachte die Arbeiten vom Verwaltungsbüro aus, welches in der Mitte des Raumhafens gelegen war. Abgesehen von ihm befanden sich drei seiner Lieutenants im Raum. Ein Mann lag mit einer Schusswunde im Kopf auf dem Boden, nämlich jener Lieutenant, der die Verteidigungsstellung vor dem Raumhafen anführte.

„Bou, richtig?“, fragte Cedric, nachdem ich, von Sanchez begleitet, den Raum betrat. Ich trug zwar eine nomadische Uniform und war dankbar, dass man mich am Leben ließ – ich weiß, dass die haqqislamischen Regionalverwaltungen mich in umgekehrter Situation ohne zu Zögern eingesperrt oder Allah zugeführt hätten – aber in Cedrics Augen war ich immer noch ein Gefangener, ein Mensch zweiter Klasse, den man gleich einem Hund nicht unbeobachtet lassen konnte. Daher begleitete mich Sanchez auf Schritt und Tritt. Mittlerweile mochte ich ihn irgendwie… auf eine komische Art und Weise.

„Bou, richtig?“, wiederholte Cedric ruhig. „Ja, das ist mein Name, Bou“, antwortete ich hastig. Ich wusste, dass die Ruhe nur gespielt war. Er würde mich ohne mit der Wimper zu zucken erschießen, nur um zu überprüfen, ob seine Waffe geladen sei. Er sprach klar: „Ich habe einen Auftrag für dich, Schürfer. Dein Volk wird schon bald mit einem Aufräumkommando hier sein, dem wir nicht gewachsen sind und ich brauche dich, damit wir möglichst vollständig von diesem Brocken weg kommen.“ Vermutlich, würde er doch mit der Wimper zucken. „Unsere Verbündeten von Yu Jing werden US Ariadna schon bald zerschlagen und das wissen eure Sheiks, deshalb beeilen sie sich. Wenn die Container fertig verladen sind, werden wir also planmäßig abhauen… und Du, mein kleiner Haqq, wirst befördert werden… sagen wir… zum Konvoiführer?“

Ich wusste nicht genau, worauf Cedric hinaus wollte: „Konvoiführer? Ich bin ein Schürfer, ich bediene Bohrmaschinen und Filtrieranlagen, ich…“ „Natürlich hast du keine Ahnung davon, wie man einen Raumfrachter fliegt, du Idiot!“, fuhr mich Cedric an, „Aber du kennst die Sitten und Gebräuche deiner Leute! Du redest wie ein Haqq… du bist ein Haqq.“

Nun verstand ich. Ich willigte natürlich ein. Die Alternative, die mir Cedric sogleich anbot, kann man sich ja vorstellen. Von diesem Moment an musste ich keine Kisten mehr verladen. Stattdessen schulten mich Cedrics Lieutenants in Raumfahrervokabular und ich lernte jene Codes, welche die nomadischen Hacker aus den Computern extrahieren konnten. Wir hatten nicht viel Zeit, wenige Stunden vielleicht, und schließlich gab Cedric das Signal zum Aufbruch. Insgesamt fünf Transporter und vier Begleitjäger standen unter meinem Kommando, zumindest zum Schein.

sci-fi-soldierVor dem Start der Triebwerke „meines“ Schiffes blickte ich noch einmal in den Raumhafen. Der Sand wirbelte wieder und schnitt kleine Fräsen durch die Verkleidung der Gebäude und Maschinen. Am Horizont standen zwei Sonnen, die beide im Sterben lagen, genau so wie Jura-3 und auf diesem Brocken Acheron, meine Heimat der letzten fünf Jahre.

Ich saß etwas schwermütig im Kommandostuhl. Die tatsächliche Befehlsgewalt hatte einer von Cedrics Offizieren, der wohl seit Jahrzehnten Raumfrachter kommandierte. „Schon komisch“, dachte ich im Stillen, während der Countdown zum Start heruntergezählt wurde, „Wie einem das Leben spielt.“ Vor einer Woche wohnte ich noch in einer kleinen Wohnung im Osten Acherons, verbrachte die Tage in den Förderanlagen und die Nächte bei Haschri. Dann kamen die Nomaden und nahmen mir alles… und gaben mir eine neue Heimat.


Kapitel 6 –>

Comments: 1

  1. Martin Regner says:

    Tja, so sind wir: „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ läuft bei den Nomaden zwar nicht, aber zumindest einen Kommandostuhl bekommt man bei uns doch recht schnell 😉

    Super Geschichte! Wird sie nach dem Ende des Miniturniers weitergeführt werden? Oder wird es ein neues Kapitel bei einem neuen Turnier geben?